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  • 12. August 2011

    Zukunft Reinraumbekleidung: INTERVIEW mit Carsten Moschner

    Unternehmen sind heute mehr und mehr auf eine Fertigung der Produkte unter reinraumtechnischen Aspekten angewiesen. Daraus ergibt sich zwangsläufig der hohe Stellenwert von Reinraumbekleidung sowie einer geeigneten Reinraumzwischenbekleidung. Doch wie ernst nehmen Unternehmen es mit der Ausstattung des Personals hinsichtlich der erforderlichen Reinraumbekleidung, um Kontaminationen in diesem Bereich soweit wie möglich zurück zu drängen?

    Wassertropfen auf Reinraumgewebe

    Wird die Bedeutung von Reinraumbekleidung von Unternehmen erkannt? (Foto: Dastex Reinraumbekleidung)

    Wir haben nachgefragt: Im Gespräch mit Carsten Moschner. Der Unternehmer trat im Jahre 1992 dem Unternehmen Dastex Reinraumzubehör GmbH & Co. KG bei, das von seinem Vater, Ingo Moschner, im Jahre 1979 gegründet wurde. Seither leitet er gemeinsam mit seinem Vater die Geschicke des Hauses. Dastex zählt zu einem der ersten Unternehmen, die sich im deutschsprachigen Raum auf die Herstellung und den Vertrieb von Reinraumbekleidung und Verbrauchsgütern wie Handschuhe, Tücher, Matten etc. konzentrierte. Im Laufe der Jahre etablierte sich Dastex zum Marktführer für textile Reinraumbekleidung im deutschsprachigen Raum und zählt heute auch europaweit zu den führenden Anbietern in diesem Segment.

    Herr Moschner, Sie führen ein Unternehmen, das sich rundum mit sogenannter Reinraumbekleidung befasst. Was genau bieten Sie an und aus welchen Bereichen kommen Ihre Kunden?

    Carsten Moschner, Geschäftsführer Dastex Reinraumzubehör

    Carsten Moschner - Experte für Reinraumbekleidung (Foto: Carsten Moschner)

    Neben der Herstellung und dem Vertrieb von textiler Reinraumbekleidung – also Mehrwegbekleidung bieten wir unseren Kunden ein umfangreiches Sortiment an sogenannten Reinraumverbrauchsgütern wie Handschuhen, Tüchern, Einwegbekleidung, Staubbindematten, Desinfektionsmitteln und mehr. Unser umfangreiches, tief gestaffeltes Lieferprogramm, gerade im Bereich textiler Reinraumbekleidung, ist so konzipiert, dass wir je nach Anforderungsprozess des Kunden sowohl auf Standardartikel, als auch auf individuelle Lösungsansätze zurückgreifen können. Unsere Kunden kommen aus allen Bereichen der Reinraumtechnologie, d.h. Schwerpunkte sind u.a. pharmazeutische Industrie, Halbleitertechnologie, Mikrosystemtechnik, Optik, Raumfahrt, Medizintechnik, Automotive sowie Biotechnologie.

    Genießt Reinraumbekleidung inzwischen den Stellenwert, den sie tatsächlich benötigt oder gibt es Defizite?

    Je nach Kunde genießt die Reinraumbekleidung einen unterschiedlichen Stellenwert. Die einen definieren sie oftmals als „notwendiges Übel“, andere erkennen in der Reinraumbekleidung einen wichtigen Bestandteil, um den Reinraumprozess entsprechend aufrecht erhalten zu können.

    Nicht selten wird spezielle Reinraumbekleidung einfach über der normalen Straßenbekleidung getragen. Damit wird das Ziel, unter möglichst „reinen“ Bedingungen zu fertigen, völlig verfehlt?

    In niedrigeren Reinraumklassen, in denen die Reinheitsanforderungen vielleicht nicht ganz so hoch sind, ist dies durchaus denkbar. In hochwertigeren Reinraumklassen empfiehlt es sich aber, eine sogenannte reinraumtaugliche Zwischenkleidung einzuführen, die sicherstellt, dass unter der Reinraumbekleidung kein „unkalkulierbares Risiko“ schlummert. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass durch den Einsatz dieser reinraumtauglichen Zwischenkleidung die Kontamination ausgehend vom Menschen im Reinheitsprozess um teilweise mehr als 50 Prozent hat reduziert werden können. Dies setzt aber auch voraus, dass der ganze Prozess rund um die Reinraumbekleidung entsprechend definiert ist: von der Disziplin der Mitarbeiter, über die Dekontamination der Reinraumbekleidung in entsprechenden Fachbetrieben usw., usw.

    Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass den Produktionen unter Reinraumbedingungen allergrößte Aufmerksamkeit gewidmet wird, der Reinraumbekleidung aber nicht zwingend ebenso?

    Dies liegt meiner Meinung nach daran, dass viele Betreiber von Reinräumen uneingeschränkt an die Technik glauben, in diesem Bereich auch bereit sind, entsprechend zu investieren und oftmals auch überrascht werden von den laufenden Kosten im täglichen Betrieb. Dazu kommen noch die täglichen Unannehmlichkeiten, die von diesen Produkten ausgehen: Mitarbeiterakzeptanz, Verfügbarkeit, logistische Aufwendung usw.

    Die Betreiber erkennen durchaus die Notwendigkeit, entsprechend ausgelegte Filter zum Aufrechterhalten des Reinheitsprozesses einzusetzen, regelmäßig zu überwachen, zu warten und auszutauschen. Dass aber die Reinraumbekleidung nichts anderes ist als ein Filter, der ebenfalls den Prozess und die Produkte, die im Reinraum gefertigt werden, schützen soll – und zwar vor der größten Kontaminationsquelle, die normalerweise im Reinraum zugegen ist, dem Menschen – wird dabei vernachlässigt. Die Betreiber gehen oftmals davon aus, dass auch diese Kontamination durch das Luftfiltersystem entsprechend reduziert wird. Die Reinraumbekleidung ist aber der einzige und somit entscheidende Filter zwischen Mensch und Produkt.

    Die Zusammenhänge der Kontaminationsketten sind vermutlich für viele ganz generell noch ein Buch mit sieben Siegeln. Was wären die besten Wege, um Abhilfe zu schaffen?

    Brille als Reinraumbekleidung

    Die Fa. Dastek liefert komplettes Reinraumzubehör (Foto: Dastex Reinraumzubehör)

    Hier haben Sie vermutlich Recht. Viele nicken sicherlich bei der Aussage „Der Mensch ist die größte Kontaminationsquelle im Reinraum“. Was dies aber bedeutet, in welchem Umfang Menschen mit ihrer Bekleidung, aber auch andere Verbrauchsgüter wie Handschuhe, Tücher usw. den Reinheitsprozess kontaminieren und somit gefährden können, ist vielen nicht geläufig. Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter in gewöhnlicher Baumwollbekleidung kann ohne weiteres mehrere Millionen Partikel 0,5 µm und größer pro Minute generieren und somit in den Prozess abgeben. Nimmt man nun die ISO-Klassifizierung gemäß ISO-14644, Blatt 1, so sollte jedem klar sein, dass diese Anzahl von Partikeln selbst eine Reinraumklasse ISO 9 „gefährden“ würde. Ich empfehle an der Stelle einen Artikel in der Reinraumtechnik 1/2010, erschienen im GIT-Verlag. Hier wurde eine umfangreiche Studie getätigt, was ein Mensch in unterschiedlichen Bekleidungssystemen an Partikeln generiert. Die Ergebnisse waren mehr als eindeutig!

    Gibt es auch erhebliche Defizite im kommunikativen Bereich, um auf die komplexen Zusammenhänge hinzuweisen?

    Wenn Sie mit Ihrer Frage darauf abzielen, dass das Interesse an diesen Themen von Seiten der Anwender äußerst gering ist, so haben Sie Recht. Es gibt im deutschsprachigen Raum eine Vielzahl von sehr guten Seminaren und ähnlichen Veranstaltungen, die explizit diese Themen aufgreifen. Im Rahmen dieser Veranstaltungen, werden diese Themengebieten von verschiedenen Seiten beleuchten, bis hin zu praktischen Übungen wie Ankleideprozeduren usw. Für mich ist es an dieser Stelle sehr erschreckend, in welch geringem Umfang diese angebotenen Seminare und Veranstaltungen genutzt werden. Auch hier sind meines Erachtens in erster Linie Anwender und Betreiber der Reinräume gefordert, sich in diesem Bereich weiter zu bilden, Mitarbeiter für solche Veranstaltungen frei zu stellen und die durchaus am Markt verfügbaren Informationen einzuholen. Dazu besteht die Möglichkeit, auch von Anbietern wie zum Beispiel Dastex, sich entsprechend beraten zu lassen.

    Es genügt nicht, einfach „nur“ Reinraumbekleidung für das Unternehmen zu ordern. Vielmehr müssen die Erfordernisse für die spezielle Bekleidung mit den Kriterien vor Ort in der Produktion abgestimmt werden. Wie sieht eine dahingehende perfekte Beratung aus?

    Eine gute Beratung – das Wort „perfekt“ klingt so absolut – sollte unter anderem beinhalten, dass neben den Prozessanforderungen des Kunden Themengebiete wie Schleusenkonzepte, das allgemeine Umfeld, Tragekomfortaspekte aus Sicht der Träger, möglicherweise besondere Anforderungen an die Kleidung aus dem Bereich persönliche Schutzausrüstung (PSA) alle mit einbezogen werden. Ich definiere die Reinraumbekleidung nicht als ein Stück Textil, sondern ich sehe Reinraumbekleidung als System. Bei diesem Systemgedanken gilt es, viele Dinge möglichst in Einklang zu bringen, bis hin zu Schulungen der Mitarbeiter, Definition des Pflegeprozesses, Definition „Wann muss eine Reinraumkleidung ausgetauscht werden“ usw., usw.

    Was raten Sie Einkäufern der Unternehmen, wenn sie sich erstmals mit dem Thema Beschaffung von Reinraumbekleidung auseinandersetzen?

    Einem Einkäufer rate ich, niemals 100 Prozent nur den Zahlen zu trauen. Damit meine ich nicht nur den Einkaufspreis, sondern auch die versprochene Leistung der Kleidung. Der gesunde Menschenverstand hilft einem oft, sehr schnell und sicher zu entscheiden, ob das mir angebotene Produkt wirklich meinen Wünschen und Anforderungen entspricht, oder ob hier – bewusst oder unbewusst – übertrieben wurde oder Dinge einfach in den Raum gestellt werden, die kaum oder gar nicht belegt sind. Ein Einkäufer muss sich des Risikos bewusst sein, dass er möglicherweise mit seiner Entscheidung über die Effizienz des Reinraumprozesses entscheiden kann und normalerweise ist die Reinraumproduktion das Herzstück einer jeden Fertigung. Anders ausgedrückt: ein Fehler hier kann schwerwiegendste Folgen für die komplette, weitere Prozesskette haben.

    Sie zählen auch zu den Autoren des Standardwerkes „Projektplanung und Reinraumtechnik“, das von Dr. Lothar Gail, Udo Gommel und Horst Weißsieker herausgegeben wurde. Dort geht es unter anderem um Klassifizierungen, wonach Reinraumbekleidung den jeweiligen ISO-Reinraumklassen zugeordnet werden. Dies sind reine Empfehlungen. Wird es bald auch standardisierte Richtlinien geben?

    Body Box Drucktest zum Test von Reinraumkleidung

    Body Box Drucktest zum Test von Reinraumkleidung (Foto: Dastex Reinraumzubehör)

    Hier sprechen Sie einen ganz wichtigen Punkt an! Reinraumbekleidung kann im Moment nur, wie in diesem Fachbuch auch aufgeführt, eine Empfehlung im Hinblick auf verschiedene Reinheitsklassen sein. Es gibt keine feste Zuordnung: Es gibt keine Reinraumkleidung ISO 5. Es gibt keinen Reinraumhandschuh ISO 4. Es gibt kein Reinraumreinigungstuch ISO 7 usw., usw. Für all diese Produkte gibt es keine verbindlichen Standards, keine verbindlichen Normen und somit kann kein Anbieter der Welt für sich in Anspruch nehmen, eine ISO 5 Kleidung oder einen ISO 4 Handschuh, ein IOS-5 Tuch etc. zu haben.

    Grundsätzlich sollten so genannte reinraumtaugliche Verbrauchsgüter bestimmte Basiseigenschaften mitbringen, aber letztendlich entscheidet der Prozess beim Kunden (dort wo die Produkte eingesetzt werden), was dem Prozess schadet und was nicht. Die Kunden sollten für ihre eigenen Prozesse die jeweiligen reinraumtauglichen Verbrauchsgüter auf ihre Eignung hin entsprechend überprüfen. Hierbei kann der Lieferant aufgrund möglicher Erfahrungswerte den Kunden aktiv unterstützen.

    Was ließe sich tun, um die bestehenden Empfehlungen zu konkretisieren, ggf. sogar zu spezifizieren?

    Von Seiten des VDIs gibt es jedoch im Moment Bestrebungen, Betreibern und Anwendern zukünftig eine Richtlinie, zumindest für den deutschsprachigen Raum, an die Hand zu geben, die den Anwendern und Betreibern helfen soll, solche Fragestellungen wesentlich fundierter mit Anbietern diskutieren zu können. Im Rahmen der Richtlinienarbeit (2083) zu einem neu entstehenden Blatt 9.2 (dem ich vorsitze) ist es unser erklärtes Ziel, für Kleidung, Handschuhe, Tücher usw. bestimmte Eigenschaften zu definieren damit die Entscheidungsträger gezielter ihre sogenannten Reinraumverbrauchsgüter definieren und bei den Anbietern anfragen können. Es wird dann zwar immer noch nicht eine ISO 5 Reinraumkleidung geben, es wird aber Empfehlungen geben, was ein Reinraumtextil für Mindestanforderungen mitbringen sollte, wenn es in hochwertigen Reinräumen eingesetzt werden soll, was wirklich nachvollziehbare Tragekomforteigenschaften sind, wie ESD-Werte aussehen könnten usw.

    Wenn wir einmal den Blick in die Zukunft richten: Welche Entwicklungen wird es für Reinraumbekleidung geben und welchen weiteren Herausforderungen wird sie künftig in noch höherem Maße standhalten müssen?

    Die Reinraumkleidung wird sich zukünftig weiter diversifizieren. Auch wenn das der eine oder andere Betreiber und Dienstleister nur sehr ungern hört, so bin ich der festen Überzeugung, dass bestimmte Prozesse entsprechende Reinraumbekleidungskonzepte benötigen. Kleidung für pharmazeutische Betriebe, Medizintechnik und Biotechnologie wird sicherlich zukünftig in einigen Bereichen anders aussehen als die Kleidung, die in hochwertigen Halbleitertechnologie-Unternehmen benötigt wird. Auch die Kleidung im Bereich Automotive wird sicherlich in vielen Dingen unterschiedlich aussehen im direkten Vergleich zur Kleidung beispielsweise für die optische Industrie. Eine Herausforderung auch für die nächsten Jahre wird es sein, technische Notwendigkeiten und Prozessanforderungen in Einklang zu bringen mit den Tragekomfortwünschen der Mitarbeiter. Hoher Tragekomfort bei gleichzeitiger für den Reinheitsprozess ausreichende Filtrationseffizienz und Abriebfestigkeit sind die Schlüsselparameter für ein erfolgreiches Reinraumbekleidungskonzept, auch für die Zukunft.

    – Das Interview führte Ursula Pidun –

    Weiterführende Artikel zu diesem Thema:
    Reinraumbekleidung in voller Pracht
    Reinraumtaugliche Zwischenbekleidung
    Partikelrückhaltevermögen von Reinraumbekleidung
    Abriebfestigkeit von Reinraumbekleidung
    Elektrostatisches Verhalten von Reinraumbekleidung


    Verfasst von Ursula Pidun

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